Immer ein Eimer Apfelstädtwasser im Gepäck

Immer ein Eimer Apfelstädtwasser im Gepäck

Leinakanalführung mit Knut Kreuch am Tage des offenen Denkmals
Von Wolfgang Möller

Gotha (TLZ). Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) ist bekannt für seine Lanzen, die er für Gotha bricht. Manchmal sind sie etwas schlitzohrig zugespitzt, wie in der Behauptung, dass Erfurt ohne die Einbeziehung der Wasserkunst in der Gartenstadt Gotha nie den Zuschlag für die Bundesgartenschau 2021 erhalten hätte. Sprach’s am Sonntag, 9. September 2018 zu Beginn seiner Führung am Leinakanal anlässlich des Tages des offenen Denkmals und ergänzte, „dass früher eine Stadt ohne Fließgewässer in ihren Mauern keine lange Überlebenschance hatte“. Gotha hatte sie. Denn Elisabeth von Lobdeburg-Arnshaugk (1286-1359) heiratete in Gotha Friedrich den Freidigen (1257-1323) und riet ihrem Enkel Balthasar ((1336-1406) – dem späteren Landgrafen von Thüringen – einen Kanal bauen zu lassen, um die hochgelegene Stadt samt Burg mit dem Lebenselixier Nummer eins zu versorgen.

Zu Beginn seiner Führung an der Wasserkunst dankte das Stadtoberhaupt vor rund 70 interessierten Gästen allen Haus- und Grundstückseigentümern, Vereinen und Unternehmen, die ihre Immobilien zum Denkmaltag für die Besucher geöffnet hatten. So auch das Lucas-Cranach-Haus am oberen Hauptmarkt, wo die „Schlingelfreunde“ vom Freundeskreis Leinakanal die historische Pumpanlage von der Gothaer Turbinenfabrik Briegleb Hansen & Co. in Betrieb setzten und zum Besuch der kleinen Leinakanalausstellung einluden. Der Verein bemüht sich seit mehr als 20 Jahren um die Erhaltung und Publikation des „(ur)altern Schlingels“, dem faszinierenden, künstlichen Fließgewässersystems Leinakanal/Flößgraben.

Landgraf Balthasar führte im Jahre des Herrn 1369 das Wasser der Leina aus dem Thüringer Wald nach Gotha. So ungefähr steht es in Latein auf der Gedenktafel am Schlussstein der Wasserkunst geschrieben. Die Gesamtlänge mit dem Kleinen Leinakanal von Schönau vor dem Walde bis zum Wiegwasser beträgt 28,6 km, im Stadtgebiet sind es 6,3 km. Dank des Wasserdargebotes aus dem großen Einzugsgebiet der Apfelstädt, woher Flößgraben und Leinakanal das meiste Wasser erhalten, gab es kaum Probleme mit dem Wasserstand im Kanal und mit dem Betreiben der Wasserkunst, auch im Sommer 2018 nicht. Gewässerwart Bert Symasczyk öffnete den Gullydeckel zum Revisionsschacht und zeigte den Besuchern das hochanstehende und schnell fließende Kanalwasser.

Ein Hoch dem genialen Tiefbauingenieur Hugo Mairich (1863-1902), der unter anderem die Kanalisation, die Straßenpflasterung und die Wasserkunst baute sowie die Gothaer Talsperre in Dietharz projektierte! Die Anlage am oberen Hauptmarkt, wo bis 1875 die Bergmühle stand, sind Wasserkünste nach Kasseler Vorbild, aber innerhalb der Stadt. Bis heute ist Mairichs Handschrift auf dem Hauptmarkt sichtbar. Ab Mitte/Ende nächsten Jahres – zum 650. Baujubiläum des Leinakanals – will die Stadt den ehemaligen Holzmarkt sanieren und im Glanz von vor 200 Jahren rekonstruieren – Pferdetränke, Fischkeller und alter/neuer Baumbestand eingeschlossen. Die neuen Linden werden dann künftig mit Leinakanalwasser bewässert (siehe heißer Sommer 2018).

Kreuch verstand es ausgezeichnet, die Ereignisse rund um die Häuser links und rechts des Leinakanals in sein Führungskonzept einzubeziehen: das Lucas-Cranach-Haus, das Landschaftshaus, die neuen Studentenwohnheime, das historische Rathaus, die Margarethenkirche, die Kindergärtnerinnen-(Pudding-)schule… Außerdem strich er liebvoll über den Fuß von Herzogin Luise-Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg (1710-1767) auf ihrem Denkmalsockel, denn das soll Glück und Sonnenschein bringen. Auf dem „Markt in der neuen Stadt“ – dem Neumarkt – wo der unterirdische Kanal einen Knick in die Gerbergasse macht, erinnerte der passionierte Regionalhistoriker Kreuch an die Kriegsschäden von 1944 und den raschen Wiederaufbau der Kirche.

Nach der Gerbergasse trat der Leinakanal aus der ummauerten Stadt heraus, betrieb noch die Bornmühle, ehe sich sein Wasser an der Remstädter Straße mit dem Wiegwasser vereinte – so ist auch noch die derzeitige Situation. In der Gerbergasse soll der Kanal künftig wieder offen fließen. Kraft seines Amtes hielt Kreuch den fließenden Verkehr in der Gartenstraße an (24 000 Fahrzeuge passieren täglich die Tangente), damit seine große Gruppe geschlossen auf die andere Seite gelangte.

An der neuen Brücke im Heutal, über dem sanierten Mühlgraben verwies Kreuch auf Hochwassergefahren bei Starkregen und Schneeschmelze. In der Nähe der Schwarzen Brücke mündet das Wiegwasser, vereint mit dem Leinakanal in den Flutgraben, welcher bei Remstädt Wilder Graben genannt wird und südlich von Wangenheim in die Nesse fließt. Die Nesse mündet in die Hörsel, die Hörsel in die Werra. Werra und Fulda „küssen sich“ in Hann.-Münden zur Weser, welche der Nordsee zustrebt „aber immer mit einem Eimer Apfelstädtwasser im Gepäck“.

Knut Kreuch erläutert den Gästen den Verlauf des Leinakanals im Stadtgebiet von Gotha. Foto: Wolfgang Möller
Auch trotz der Trockenheit im Sommer ist genug Wasser im Leinakanal bestätigt Gewässerwart Bert Symasczyk (rechts). Foto: Wolfgang Möller

 

Die Leinakanalwanderer an der Remstädter Straße, dem letzten Abschnitt des Kanals bis zum Zusammenfluss mit dem Wiegwasser. Foto: Wolfgang Möller

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