Labbenhööcher waren adlige Gastgeber

Labbenhööcher waren adlige Gastgeber

von Wolfgang Möller

Blaulicht, Sinne und Entdeckungen beim 13. Thüringentag in Gotha

Helga Raschke vom Freundeskreis Leinakanal (1. v.r.) erläutert den slowakischen Gästen aus der Partnerstadt Martin die Besonderheiten des mittelalterlichen Grabensystems. Foto: Wolfgang Möller

Gotha. Das Wasser des Leinakanals floss wie eh und je im Schlosspark, am Herzoglichen Museum, am Marstall, am Teeschlösschen, an der Alten Münze, an der Wasserkunst… Landgraf Balthasar, ein Adliger, hatte den lebensspendenden Graben im 14. Jahrhundert anlegen lassen – mittelalterlicher Wasserbau adelt! Viele Ereignisse begleiteten die Silberlinie aus dem Landkreiswappen in den mehr als 640 Jahren, doch solch ein Gewimmel wie am Samstag hatte der uralte Schlingel selten erlebt. Viele der anvisierten 200 000 Gäste brauchten sich nur am Kanalverlauf zu orientieren, um einige der 250 attraktiven Veranstaltungen des 13. Thüringentages zu besuchen.

Die Stiftung Schloss Friedenstein baut zurzeit das Museum der Natur in der Parkallee als Herzogliches Museum zurück. Die frisch sanierte Außenhülle bildete eine kontrastreiche Kulisse für die Programmpunkte des „Entdeckerpfades.“ Der absolute Hingucker für Entdecker war die DILMUN IV, das neue Schilfboot vom ABORA-Forschungsteam. Domenique Görlitz, seine Vereinsmitglieder aus Thüringen und Sachsen sowie der Rumpfbauer Porfirio Limachi aus Bolivien stellten das Projekt dem begeisterten Publikum vor.

Die Gothaer Hochseiltruppe Geschwister Weisheit trat an allen drei Festtagen auf. Ihr „Heimspiel“ fand im Rosengarten statt, wo bis vor kurzem noch das Denkmal für die antifaschistischen Widerstandskämpfer stand. Nestor Rudi Weisheit backte am Samstag zum letzten Mal seinen Eierkuchen in 30 m Höhe auf dem Seil und sein fünfjähriger Enkel Friedrich wagte die ersten Schritte mit der Balancierstange.

Polizei, Brandschutz, Rettungswesen und Sicherheit dominierten die Parkplätze am Marstall. Dahin passte genau Tatortkommissar Ehrlicher, alias Peter Sodann. „Der Schauspieler a.D. war sofort bereit, eine Autogrammstunde zum Thüringentag zu geben“, berichtete die Projektleiterin der „Blaulichtmeile“ Anne-Kathrin Topf. Sodann sammelt Bücher von 1945 bis 1990 und tourt mit Lesungen durchs Land. Sein Lieblingshobby umfasst inzwischen einen Fundus von 650 000 Einheiten, die er aus abgeschriebenen Beständen, Containern und Reißwölfen rettet. Zum Signieren hatte er allerdings Portraitkarten mitgebracht, an denen sich eine lange Fangemeindeschlange bildete.

Sehen, Fühlen, Riechen, Hören, Tasten und Schmecken war im „Park der Sinne“ angesagt. Doch die Schenkel mussten ebenfalls herhalten – für einen kräftigen Handschlag darauf, als sich Professor Galletti und Hänser, alias Ralph-Uwe Heinz und Jens Rönnpagel, auf dem Orangeriebalkon ein köstliches Streitgespräch lieferten sowie aus den „God’schen Sachen“ (Die Gothaer Sagen von Andreas M. Cramer) lasen. Galletti vom Gymnasium Ernestinum und Hänser von der „Amtillerschule“ versuchten, das geneigte Publikum mit acht Sätzen im Goth’schen Dialekt jeweils auf ihre Seite zu ziehen. „Nur wer e echter Labbenhööcher is, kann au richt’ch good’sch geschwätz“ (Nur wer ein echter Lappenhöger ist, kann auch richtig gothaisch schwatzen).

Am Teeschlösschen war das Leinakanalwasser wieder präsent. Vor allem die Kinder durchwateten eine zirka 20 m lange Grabenstrecke als Kneippgang, nachdem sie den Barfußpfad und das Wassernebeltor passiert hatten. Wenn das Wasser im Lucas-Cranach-Haus angekommen war, setzte es die historische Pumpanlage in Bewegung, um damit die Fontäne der Wasserkunst zu speisen. Dass dies seit 1895 funktioniert und was das faszinierende Leinakanalsystem noch alles zu bieten hat – davon unterrichteten die Mitglieder des Freundeskreises Leinakanal die Besucher. Unter ihnen war auch Mag. Jan Zuberec, Abgeordneter aus dem slowakischen Martin. „Ich bin begeistert von der Schönheit und Vielfalt der Partnerstadt Gotha“ übersetzte Mag. Kristina Čuboňová.

Als Geheimtipp bei der gastronomischen Versorgung galt die etwas abgelegene mobile Wildschweinküche in der Lucas-Cranach-Straße. „Ich habe zehn Minuten Zeit“, sagte Sicherheitschef Michael Brendel zum Koch. Mit einer zufriedenen Zwischenbilanz zum bisherigen Ablauf des Thüringentages ließ er sich den Wildgulasch schmecken. Er sowie alle fleißigen Organisatoren und Helfer sollten für ihren Einsatz ehrenhalber geadelt werden.

Die Kommentare sind geschlossen.