In den Kasematten unter Schloss Friedenstein

In den Kasematten unter Schloss Friedenstein

von Horst-Dieter Ritz
Grundriss Schloss Friedenstein
Eingang der Kasematten

Die Führung wurde von Herrn Hopf geleitet, der auch wesentlich an der Freilegung der Kasematten beteiligt war. So erfuhren wir aus erster Hand, welche interessanten Details sich unter der Erde des Schlossparks verborgen haben.

Herr Hopf erklärt

Wenigen Besuchern Gothas ist die Tatsache bekannt, dass eine der stärksten barocken Festungsanlagen Mitteldeutschlands Schloss Friedenstein umgaben. Diese waren teils im Bergsockel verborgen, teils ihm vorgelagert.

2003 wurden die Kasematten von Schloss Friedenstein der Öffentlichkeit übergeben. Sie stellen eine sehenswerte Attraktion dar, deren Existenz mehrere Meter unter dem heutigen Schlosspark selbst Einheimischen unbekannt war.

Auf den Grundmauern der Festung Grimmenstein, die 1567 geschleift worden war, ließ Herzog Ernst der Fromme in den Jahren 1643 bis 1655 das Schloss Friedenstein als Residenz für sein Herzogtum Sachsen-Gotha erbauen.

Die Wehr- und Befestigungsanlage des Schlosses Friedenstein war eine der wenigen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg in Thüringen errichtet wurde. 1655 erfolgte die Grundsteinlegung der Nordostbastion. Nach mehr als 30 Jahren Bauzeit waren die Anlagen fertiggestellt.

Von der imposanten Wehr- und Befestigungsanlage wurde nie ein Schuss abgefeuert. Schon 100 Jahre später, ab 1772 wurde die veraltete Befestigungsanlage außer Betrieb gesetzt, mit Schutt verfüllt und mit Erde überdeckt. Weil sie nie einem befürchteten Angriff türkischer Truppen oder anderen Kämpfen ausgesetzt war sowie später nur zugeschüttet und nicht abgetragen wurde, können wir heute die Kasematten in unverändertem Zustand besichtigen.

Die unterirdischen Gewölbe der 4 Bastionen und Festungsanlagen betragen 2,5 km. Von der Gesamtanlage wurde die Nordostbastion (nahe der Ausstellungshalle) frei gelegt. Ein ca. 300 Meter langer Rundgang hat uns auf drei übereinander liegenden Ebenen bis zu 14 Meter in die Tiefe geführt. Ein ausgeklügeltes System von Wehr- und Befestigungsanlage sollte Eindringlinge abwehren. Stellungen für Kanonen und leichte Waffen ermöglichten die lückenlose Überwachung der Außenmauern. Konterminenschächte, Horchschächte, Einmannlöcher (siehe Foto rechts) u.a. Anlagen sollten das Aufbrechen der Befestigungsmauern auch unterirdisch verhindern.

Während der fast zweijährigen Freilegung wurden mehr als 500 Kubikmeter Erde und Geröll bewegt. Dies geschah überwiegend in Handarbeit. Dabei wurde auch der Brunnen der Burg Grimmenstein zugänglich. Die Freunde des Leinakanals kamen auch zu einem Aha-Erlebnis. Herr Hopf stellte fest, dass nach dem Abstellen des Leinakanals (bei Wartungsarbeiten u.a.) der Wasserspiegel des Brunnes um mehrere Meter sinkt. Das bedeutet, dass Millionen Liter Wasser hier gespeichert werden, bevor das Wasser die Gothaer Wasserkunst erreicht.

Wir sind uns sicher, dass wir auch bei unserem nächsten Besuch noch mehr Neues entdecken werden.

Grundriss der Wehr- und Befestigungsanlage
Am Brunnen
Einmannloch

Eindrücke eines Besuchers

So viele Male bin ich im herrlichen Stadtpark von Schloss Friedenstein in Gotha spazieren gegangen. Mir war auch der Eingang gegenüber der ehemaligen Ausstellungshalle aufgefallen. Doch Gedanken hatte ich mir niemals gemacht, was sich dahinter verbirgt. Um so erstaunter war ich bei meinem ersten Besuch in den Kasematten.

Die unterirdischen Verteidigungsanlagen sind noch größtenteils erhalten. Sie liegen heute unter dem Schlosspark – mit Schutt gefüllt und mit Erde meterhoch verdeckt. Der Eingang (1), den ich benutzte, passte so gar nicht zum Konzept solch einer Anlage. Er wurde sicher in den Wirren des 2.Weltkrieges angelegt und wieder geöffnet, um die Unterwelt Besuchern der heutigen Zeit zugänglich zu machen.

Im Grundriss der Kasematten können Sie sich bereits vor Ihrem ersten Besuch in den Kasematten oder danach orientieren.

Ich betrat einen Raum, der auch ‚Verborgener Raum‘ (2) genannt wird. Warum wohl? Sofort fielen Schießscharten auf, die ins Innere der Verteidigungsanlage zeigten. Erst nach Ende des Rundgangs bekam man einen annähernden Überblick. Wenn Feinde hier bekämpft werden mußten, war es fast schon zu spät. Dann waren es nur noch wenige Meter bis auf den Oberwall. Dieser Raum gehörte zur dritten unterirdischen Verteidigungslage. Die Schießscharten waren in zwei Etagen angeordnet und richteten sich gegen den Ausgang zum Niederwall (17).

Nachdem jeder Besucher eine Taschenlampe erhalten hatte, führte der Weg einen Turm hinauf, der zum Transport von schwerem Gerät zum Oberwall benutzt wurde. Die Spindel (3) ist wendeltreppenartig, aber ohne Stufen gebaut. Auf halber Höhe zweigt ein schmaler Gang ab, der Abgang vom Oberwall zur Hinterwehr (4).

Der ziemlich enge Abgang zur Hinterwehr hat ein starkes Gefälle und durchquert die alten Mauern von Grimmenstein (in der Zeichnung blau). Die Hinterwehr der südlichen Streichwehr (5) diente als Stellung für die Büchsen, die die Aufgabe hatten, Feinde nach dem Eindringen in die Geschützkasematten zu bekämpfen. Sie war nach den Geschützen die zweite Verteidigungslage. Einen direkten Zugang von der Hinterwehr zu den Geschützkasematten gab es nicht. Der schmale Mauerdurchbruch, den ich benutzte, war offensichtlich nur angelegt, um heutigen Besuchern den Zugang zu ermöglichen. Er befindet sich direkt gegenüber dem alten Brunnen von Grimmenstein.

Die Geschützkasematten der südlichen Streichwehr sind sehr geräumig. Jetzt sind die Schießscharten natürlich mit Erde verschlossen. Sie liegen ja unter dem Schlosspark. Wenn man sich jedoch den Grundriss von Friedenstein mit Verteidigungsanlage anschaut, weiß man, dass von hier aus gute Sicht entlang der gesamten Ostseite des Walles war. Man konnte mit Geschützen den gesamten östlichen Graben bestreichen.

Auffällig ist, dass ein Brunnen direkt vor der Schießscharte der linken Geschützkasematte eigentlich völlig falsch platziert ist. Es ist der Brunnen von Grimmenstein, dessen Mauern hier wieder verwendet wurden. Und wichtig war, dass überhaupt eine Schießscharte von außen zu sehen war. Angreifer wußten nicht, ob sie besetzt war. An anderen Bauwerken hatte man in dieser Zeit Schießscharten auf die Außenmauern gemalt, um starke Verteidigungskraft vorzutäuschen.

Der weitere Rundgang führte in die Büchsengalerie in der südlichen Streichwehr (8). Es ist die untere Ebene. In kurzen Abständen reihen sich Schießscharten für Büchsen aneinander. Immer versetzt zu diesen sind auf der anderen Seite des Ganges, der zirka 60 bis 80 cm breit ist, kurze Gänge in den Berg getrieben, die nach oben mehrere Meter lange schornsteinartige Schächte haben. Das waren Aufzugschächte (9), die bis zum oberen Wall reichten. Ich stelle mir vor, dass sie dem Nachschub und der Belüftung dienten.

Eine Bemerkung möchte ich zu den Konterminenschächten (10) machen. Heute sind sie mit Gittern versehen und ähneln eher Anlagen zur Entwässerung. Sie hatten die Aufgabe, sich feindlichen Eindringlingen, die die Befestigung untergraben wollten, entgegen zu arbeiten. Es galt der Grundsatz, den Feind so weit weg von den Befestigungsmauern wie möglich zu stellen.

Am Ende der Galerie machte der Gang einen scharfen Knick. Scheinbar ging es nicht weiter. Ich vermute, dass die Hinterwehr der nördlichen Geschützkasematte (11) nicht freigelegt oder verschlossen wurde. Der einzige Zugang zu den Geschützkasematten war ein sehr niedriges Loch (Mannloch – 12), durch dass man nur geduckt hindurch gelangen konnte. Ein Eindringling konnte hier sehr einfach bekämpft werden.

Nach der engen Büchsengalerie öffnete sich mir der geräumigste Teil der Nordost-Bastion. Die Geschützkasematte in der Tenaille (14) erhielt einen Eingang (13) in der Zeit, als die Kasematten als Bier- und Weinkeller genutzt wurden. Eine Tenaille ist ein Fachbegriff aus dem Festungsbau und bezeichnet ein Befestigungssystem mit sternförmiger Grundrissausbildung (franz.: Zange; auch ‚Grabenschere‘ genannt)

Am Ende der Kasematte sind die letzten Spuren der Ausstattung eines Luftschutzkellers zu sehen. So hatte diese kriegerische Anlage, von der niemals ein Geschütz abgefeuert wurde, leider doch noch eine Funktion in einem Krieg. Der Aufgang aus der Geschützkasematte auf den Niederwall (15) war bereits 1787 bzw. 1833 gebaut worden. Das war bereits nachdem die Befestigungsanlage außer Betrieb gesetzt worden war.

Der Rundgang war beendet als ich den Hauptaufgang aus der Geschützkasematte (untere Ebene) (16) emporgestiegen war.

Die Kommentare sind geschloßen.