Entlang der Sächsischen Helbe bei Greußen

Entlang der Sächsischen Helbe bei Greußen

von Horst-Dieter Ritz

geführt durch Günter Rennau

Das Regenwasser an den Scheiben des Regionalzuges von Gotha nach Erfurt und dann von Erfurt in Richtung Nordhausen tat der guten Stimmung der 10-köpfigen Gruppe des Freundeskreises Leinakanal e.V. keinen Abbruch. Bereits vor Jahren wurde bei Forschungen in Archiven in Weißensee der Hinweis gefunden, dass der Werkmeister Conradus aus Gotha, der als Erbauer des Leinakanals gilt, auch den Helbekanal gebaut hatte. Wer die Leistungen um den Bau mittelalterlicher künstlicher Fließgewässer zu schätzen weiß, möchte sich deren jahrhundertealte Spuren in der Natur nicht entgehen lassen. Wasserthaleben, an der die Bahnfahrt der Wandergruppe endete, war zugleich Beginn der Erkundungen im Gelände.

An der Helbefurt in Wasserthaleben; Mitte (in rotem Anorak): Leiter der Exkursion Günter Rennau

Die Helbe war schnell erreicht. Über Stock und Stein führte die erste Etappe entlang der gemächlich dahin fließenden Helbe, die hier wohl noch nicht ahnte, dass sie sich in reichlich 2 Kilometern künstlich teilen und zugleich ihren eigenständigen Namen verlieren wird. Um 1250 entstand das Helbewehr. Von der „Mutterhelbe“ wurde die erste künstliche „Tochterhelbe“ in Richtung Grüningen abgezweigt. Der Grund für den Bau der Schwarzburgischen Helbe lag im Betrieb von Mühlen. Das fruchtbare Schwemmlandtal bot hervorragende Möglichkeiten zur Ansiedlung und zum Anbau von Getreide. Doch die Helbe ermöglichte keinen Mühlenbetrieb.

Helbewehr

So ruhig, wie die heutige Wandergruppe das Flüßchen vorfand, ist es nicht. Über die Jahrhunderte zeigte es sich immer wieder unbändig und unberechenbar. Erst die „Tochterhelbe“ ermöglichte den Bau von Mühlen.

Die Versorgung von Grüningen und später von Clingen und Greußen mit Wasser war eine weitere wichtige Aufgabe. Bemerkenswert ist, dass bereits kurze Zeit nach dem Bau der Schwarzburgischen Helbe ein Abzweig von dieser gebaut wurde, die Kupferhelbe. Diese überquerte westlich von Clingen die „Mutterhelbe“ in einem hölzernen Gerinne, um bei Greußen wieder die „Mutterhelbe“, die hier Steingraben und ab Grüningen Lache heißt, zu erreichen.

Skizze: Günter Rennau

Erläuterungen zur Skizze von Günter Rennau, 12.2006

  1. Zwischen Wasserthaleben und Westgreußen befindet sich der Anstich der „Mutterhelbe“ in 170,5 m Höhe /Top. Kt./ bzw. 170,25 m /LOHMANN 1998, Röhl 1962/.
  2. In Westgreußen führt ein Aquädukt über eine Geländesenke zwischen der Westgreußener Mühle und der alten Eisenbahnbrücke über die Sächsische Helbe. Das hölzerne Gerinne ist 15 m lang, 2 m breit und 4 m hoch. Bild /Roscher 1999/ S. 102 (?). Punkt (G) bei /Röhl 1962/. Dessen Karte größer bei /LOHMANN 1998/ S. 76/77.
  3. Bei Clingen weiterer Aquädukt: Punkt (P) bei /Röhl 1962/. Eine schmale, steinerne 3-Bogen-Brücke führt(e) über die Senke der Kupferhelbe einen Teil des Wassers zum Schloß Clingen, der späteren Domäne. 1962 noch Viehtränke.
  4. Das Ried südwestlich von Greußen erzwang eine Ausbuchtung der Sächsischen Helbe nach Westen. Durch den 1861-1864 errichteten Damm von 330 m Länge wurde die 2,5 km messende „Riedschleife“ abgeschnitten /zw. (I) u. (K)/. Der Damm ist auch ein Aquädukt, und zwar über den Grollbach, der westlich der Eisenbahnbrücke den von Süden einmündenden Wurmbach aufnimmt.
  5. Gefälle: Wehr 170,25 m – Unterwasser der Ölmühle sö. Clingen 163,20 m = Höhenunterschied 7,05 m : ca. 3 km = 2,35 ‰. Bis zur Obermühle in Weißensee mit 154,30 m ergibt sich ein Höhenunterschied von 8,90 m : ca 15,7 km = 0,566 oder rund 0,6 ‰.

Zirka 100 Jahre nach dem Bau der Schwarzburgischen Helbe machte sich aufgrund permanenter Wassernot in Weißensee der Bau eines weiteren Seitenarms der Helbe notwendig. Um 1350 entstand die Sächsische Helbe, die am Helbewehr südlich abgezweigt wurde. Wie beim Leinakanal ist die Orientierung an den Höhenlinien und das außerordentlich geringe Gefälle charakteristisch. Diese Merkmale und der Zeitraum des Baus der Sächsischen Helbe zeigen, wie naheliegend die Vermutung ist, dass Conradus der Erbauer beider Kanalsysteme sein muss. Deshalb sollte dieser Teil des Helbesystems weiter im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Abstecher

Kurz vor Westgreußen lockte eine historische Sehenswürdigkeit zu einem Abstecher. Die Funkenburg, eine rekonstruierte germanische Wehrsiedlung, führte die Wasserwanderer in noch entferntere Zeiten vor zirka 2200 Jahren. Die archäologische Freilichtanlage befindet sich an seinem Original-Standort und bietet einen hervorragenden Einblick eisenzeitlicher Alltagskultur.

im Internet: www.funkenburg-westgreussen.de

Am Ortseingang von Westgreußen erweckte ein Aquädukt, das der Sächsischen Helbe das Weiterfließen ermöglicht, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein hölzernes Gerinne überbrückt eine Geländesenke. Solche historischen Bauwerke machen neugierig. Und da soll es doch noch ein Aquädukt geben, welches einen kleinen Teil des Wassers der Sächsischen Helbe in den Park der Domäne in Clingen führte und dort den Schloßteich füllte. Die Eigentümer des Grundstücks gestatteten den interessierten Wanderern den Zutritt. Leider konnten nur noch die baufälligen Reste des Bauwerkes besichtigt werden. Bis Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts floss das Nass noch über die Wasserbrücke. Doch nun scheint ihr Schicksal besiegelt.

Ein Gewitter näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Viele Fragen wären noch zu stellen, um das Helbesystem zu verstehen und Parallelen zum Leinakanalsystem zu finden. Doch die mußten warten. Eine Gaststätte rettete die Leinakanalfreunde vor dem Unwetter und beendete diese sehr erfolgreiche Exkursion.

Aquädukt Clingen
Aquädukt Westgreußen

 

 

 

 

 

 

 

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