Der Tausendgüldenkanal

Der Tausendgüldenkanal

Orts-Chronisten-Treffen anlässlich des 650. Leinakanal-Jubiläums

Von Wolfgang Möller

Gotha. „Myconius gab es noch nicht, Luther gab es noch nicht und uns gab es auch noch nicht – aber der Leinakanal war schon da.“ Mit diesem Vergleich eröffnete die Beiratsvorsitzende des Volkssolidarität-Kreisverbandes Gotha Heide Wildauer am Samstag im Klub Galletti die Frühjahrstagung der Orts-Chronisten, Heimatpfleger und Heimatforscher. Rund 40 Interessierte waren der Einladung zum Thema „650 Jahre Leinakanal“ gefolgt. Geschäftsstellenleiterin Sabine Böhm und ihre Mitarbeiterinnen hatten das Treffen wieder in vorbildlicher Weise vorbereitet und organisiert. Als Referenten sprachen der Vorsitzende des Freundeskreises Leinakanal Jürgen Becker, seine Mitglieder Helga Raschke und Siegfried Stech sowie die beiden Heimatforscher Dieter Schnabel und Klaus Henniges.

Landrat Onno Eckert (SPD) hatte die Schirmherrschaft von seinem Vorgänger übernommen und bewies in seinem Grußwort, dass dies keine reine Formalität, sondern Herzensangelegenheit ist. „Der Leinakanal im Landkreiswappen ist das verbindende Element der Kreisstadt zum Landkreis.“ Damit richtete er seinen Dank an die Schlingelfreunde, die sich seit zwei Jahrzehnten um das mittelalterliche, künstliche Fließgewässer kümmern. Und den Heimatfreunden bescheinigte er, dass durch ihr ehrenamtliches Engagement „die Identität der Region für zukünftige Generationen nicht in Vergessenheit gerät.“

Organisatoren, Referenten und Schirmherr der Tagung (von links): Jürgen Becker, Heide Wildauer, Onno Eckert, Sabine Böhm und Dieter Schabel. Foto: Wolfgang Möller

Die Ethnografin und Stadtkennerein Helga Raschke hielt das Hauptreferat zur Geschichte und Bedeutung des „(ur)alten Schlingels“. Sie begründete den Entschluss des Thüringer Landgrafen Balthasar (1336-1406), von der Wilden Leina aus dem Thüringer Wald einen 30 km langen Graben anlegen zu lassen, um seine Burg Grimmenstein und die hoch gelegene Residenzstadt Gotha mit Trink- und Brauchwasser zu versorgen. Das Leinakanalwasser diente bis zum Anschluss an das moderne Trinkwassersystem im 19. Jahrhundert zur Nutzung in den herzoglichen Anwesen, ebenso den Bürgern, Handwerkern, Gerbern, Bierbrauern und besonders zum Löschen der zahlreichen Stadtbrände.

Raschke ging auf interessante Beispiele ein, wie der Lohnwäsche, der Leinafege oder den herzöglichen Röhrenleitungen samt Röhrenbohrerhandwerk. Nach der Erweiterung des 1653 gebauten Flößgrabens von der Apfelstädt zur Verstärkung der Wasserzufuhr im Kleinen Leinakanal durch Herzog Friedrich II. wähnte er sich benachteiligt, weil die im Oberlauf des Flusses befindlichen, herzoglichen Mühlen nunmehr zu wenig Wasser erhielten. Dafür mussten ihm die Gothaer 1000 Gulden zahlen, weshalb der Kanal im Volksmund den Beinamen Tausendgülden bekam.

Vereinsvorsitzender Jürgen Becker – „selbst Baumensch, aber ein kleiner Frosch im Wasserglas großer Baumeister“ – wie er sich vorstellte, skizzierte das Leben und Werk des Tiefbauingenieurs Hugo Mairich (1863-1902). Er betonte die genialen Leistungen, die Mairich in seinen nur 20 schöpferischen Arbeitsjahren geschaffen hat, darunter die Konstruktion der Gothaer Talsperre in Tambach-Dietharz (erbaut 1902), die Wasserkunst am Schlossberg (1895) sowie die Straßenpflasterung und Kanalisation in Gotha und in vielen anderen deutschen Städten.

Organisatoren und Schirmherr der Tagung: Heide Wildauer, Onno Eckert und Sabine Böhm. Foto: Wolfgang Möller

Siegfried Stech – früher Brunnenmeister beim Gartenamt der Stadt, jetzt Schatzmeister des Vereins – erläuterte den Bau und die technischen Einrichtungen der Wasserkunst. Dabei wusste er zu allen Details eine kleine, mit Augenzwinkern vorgetragene, Geschichte. So auch die immer wieder gern gehörte Frage der Touristin im Dirndelkleid, als Stech mit dem großen Schraubenschlüssel das Wasser für den oberen Sprinbrunnen anstellte. „Jo, was mochens denn do?“ Antwort: „Ich ziehe die Rathausuhr auf.“

Der Waidknecht Ditus und Tausendsassa heimatlicher Geschichte Dieter Schnabel vertiefte sich in die Ahnengalerie des Landgrafen Balthasar und scheute weder Zeit noch Raum, um den etwas anrüchigen Mythos der Domina von Gotha zu entzaubern. Seine Recherchen erfolgten von der ehemaligen Hüneburg auf dem Ohrdrufer Truppenübungsplatz zur Wartburg und zur Alten Burg bei Gräfenroda bis ins Staatsarchiv nach Dresden. Eine Elisabeth von Lobdeburg-Arnshaugk (geb. 1286, gest. 1359 in Gotha) hatte die Vormundschaft ihrer Enkel Friedrich III., Wilhelm I. und Balthasar übernommen, deshalb der Name „Domina von Gotha“.

Ein weiterer Enthusiast heimatlicher Geschichte, Bürgermeister i.R. Klaus Henniges aus Friedrichroda, berichtete von seinen Forschungen zu den Reinhardsbrunner Gewässern. Die Zuhörer verfolgten mit ihm den wenig bekannten Weg des Badewasser-Mühlgabens vom Abschlag unterhalb der Marienglashöhle über den Landschaftspark mit den Teichen bis zur Mündung ins Badewasser hinter dem Gondelteich.

Zum Abschluss der Tagung führten Uwe Heustock und Siegfried Stech die Teilnehmer im Lucas-Cranach-Haus mit der Leinakanalausstellung und der historischen Pumpanlage für die Wasserkunst.

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