Brunnenkresseanbau im Nessetal bei Stockhausen

Brunnenkresseanbau im Nessetal bei Stockhausen

Die Nesse besitzt eine Eigenschaft, die ihr schon im Mittelalter große Bedeutung gab. Sie friert nicht zu. Das verdankt sie den zahlreichen Quellen, die im unteren Nessetal, besonders bei Stockhausen, zutage treten. Die einzige uns bekannte Ausnahme war im Jahre 1621. Das fror auch die Nesse zu. Damals muss es unvorstellbar kalt gewesen sein. Die im Nessetal auftretenden Quellen haben im Sommer wie im Winter eine konstante Temperatur von 8 bis 9 Grad Celsius.

1927 wurde durch die Thüringische Landesanstalt für Gewässerkunde im Auftrag der Gemeinde Stockhausen Untersuchungen durchgeführt, durch die nachgewiesen wurde, dass auch heute noch in den Klüften unter den Hörselbergen beachtliche Wassermengen der Hörsel versickern und im tiefer gelegenen Nessetal als stark schüttende Quellen wieder zutage treten. Ihr gleichmäßig temperiertes Wasser ermöglicht, ähnlich wie in Dreibrunn bei Erfurt, die Anlage von Brunnenkresseteiche.

v.l.n.r.: Kressefreunde Stichling, Ritz, Vorreiter; Foto: D.Vogel

Der Anbau von Brunnenkresse im Raum Eisenach scheint schon Jahrhunderte bekannt zu sein, denn schon zu Luthers Zeiten gab es Brunnenkresse. Hierzu Mattäus Merian: … viele Eisenacher halten sich fleißig an der Brunnenkreß- und Holundersaft. Eine ähnliche Ausführung wird von Chronist Johann Limberg um 1709 gemacht.

1813 wird in einer Gemeinderechnung von Stockhausen der Ankauf von ‚Brunnkresswurzel‘ für einen Silbertaler erwähnt, und auch Napoleon scheint auf seinem Rückzug 1813 Gefallen an der Brunnenkresse gehabt haben (er kam über Erfurt nach Eisenach), denn er ließ Brunnenkressensamen besorgen und ihn in Frankreich anbauen, wo er bis zum heutigen Tage noch angebaut und vertrieben wird.

Brunnenkresse ist ein Wassergewächs, welches im fließenden Wasser bei ca. 8 bis 9 Grad Celsius am besten gedeiht. Sie hat eine dunkelolivgrüne Farbe, kleine rundliche Blätter, mit Stengel, an denen sich die kleinen weißen Saugwurzeln entwickeln, welche die benötigten Nährstoffe aus dem Wasser saugen. Die Erntezeit ist von Oktober bis Mai. Zubereitet wird die Brunnenkresse meistens in Salatform, doch haben sie unsere Vorfahren auch als Salat bzw. Suppe verzehrt. Vom Brunnenkressesaft werden heute noch Wunderdinge über seine Heilwirkung berichtet.

Stockhausen hatte zwei große gemeindeeigene Teiche und drei Teiche, welche sich noch heute im Privatbesitz befinden. Die beiden gemeindeeigenen Teiche wurden in Parzellen aufgeteilt und jedes Frühjahr (Juni) meistbietend verpachtet. Da in Stockhausen für viele Einwohner die Brunnenkresse in den 20er Jahren und in der arbeitslosen Zeit die einzige Erwerbsquelle für den Lebensunterhalt war, kam es oft zu Streitigkeiten und Reibereien bei der Verpachtung. Die alten Pächter wollten ihre Parzellen nicht aufgeben und trieben den Pachtpreis in die Höhe. Waren nun endlich alle Parzellen verpachtet, wurden diese gemeinsam von allen Pächtern gereinigt. Die so genannte Brunnenkressekirmes begann. Man haut den Samen, welcher ca. 30 bis 40 cm über das Wasser wächst, mit der Sense oder der Sichel ab und bewahrt ihn am Teichrand auf. Danach werden die Wurzeln und der Schlamm aus dem Teich entfernt. Anschließend wird der Samen wieder ins Wasser geworfen und mit Holzpflöcken befestigt, damit er nicht fortschwimmt.

Während der Ernte knieten die Frauen stundenlang auf dem so genannten Bornkerschbrett und schnitten geschickt die Kresse ab. Meistens wurde freitags ein Trabkorb voll geschnitten. Abends saß dann die ganze Familie am Tisch und band die Brunenkresse zu kleinen Bündeln (1 Bund = 10 Pf.) zusammen. Gebunden wurden diese mit Binsen. Eine mühselige Arbeit, welche oft bis Mitternacht dauerte. Sonnabends ging es dann zu Fuß nach Eisenach auf den Markt, wo die Brunnenkresse dann verkauft wurde.

Viele Jahre lebte so manche Familie nur von den Einnahmen der Brunnenkresse. Im Volksmund wurde deshalb die Stockhäuser Jungen spaßhaft ‚Bornkerschjungs‘ genannt.

 

Ein weiterer Beleg für die ehemalige Bedeutung der Brunnenkresse für Stockhausen dürfte das alte Dienstsiegel der Gemeinde Stockhausen sein. In diesem Siegel ist die Brunnenkressenplanze abgebildet.

Es wäre wünschenswert, wenn die wenigen, heute noch vorhandenen Brunnenkressekulturen in Stockhausen von der entsprechenden Stelle auf Grund ihrer ehemaligen wirtschaftlichen Bedeutung gefördert bzw. unter Schutz gestellt würden.

Die Kommentare sind geschloßen.